Es kommt doch auf die Größe an: Ein Mann und sein Riesengemüse

Halbhuber Katrin

Wenn’s um wirklich dicke Dinger geht, hält Christoph Schieder nichts von gängigen Schönheitsidealen: Der 28-Jährige züchtet die größten Paradeiser und Kürbisse Österreichs. Warum er sich dabei um die schiachsten Blüten am liebevollsten kümmert? hektar hat ihn gefragt.

Eben wurde eine seiner Tomaten mit satten 2,353 Kilogramm zur größten Österreichs gekürt, den heimischen Rekord für den größten Riesenkürbis hat er mit einem 474-Kilo-Woscher schon 2009 geholt.

Reindl Sebastian
10.7.2020

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Christoph Schieder aus der Oststeiermark investiert bis zu sieben Stunden täglich in sein Riesengemüse – und das, seit er 15 ist. Da stellt sich der interessierten Leserschaft vor allem eine Frage: Wie kommt man zu sowas?! 

hektar: Gratulation zum größten Paradeiser Österreichs!

Christoph: Danke, danke, vielen Dank!

Warum Riesengemüse? Wie bist du dazu gekommen?

Mit den Riesenkürbissen habe ich schon 2007 gestartet, da war ich noch in der Hauptschule. In unserem Nachbarbezirk hat damals die Riesenkürbis-Meisterschaft stattgefunden, dadurch hab ich ein bissl was mitkriegt. Dann hat mir der Nachbar mal einen Kern von so einem Riesenkürbis gegeben, ich hab’s probiert und schon im ersten Jahr waren es sage und schreibe 184 Kilo. Schon als 15-Jähriger hat es mich fasziniert, wie aus so einem kleinen Kern so ein Kürbis wachsen kann. Wozu die Natur im Stande ist, wenn die Pflege passt, wenn man sich kümmert, wenn der Boden passt. So hat sich das entwickelt.

Durch meine Arbeit in der Frutura Thermal-Gemüsewelt konnte ich jetzt die erste Saison im dortigen Glashaus züchten, rausgekommen ist ein zweieinhalb-Kilo-Paradeiser.

Reindl Sebastian
30.10.2020

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Die Bedingungen müssen also passen. Probierst du da viel?

Ganz, ganz viel, ja. Boden ist eine eigene Wissenschaft. Im ersten Jahr hab ich von meinen Großeltern – die haben eine Landwirtschaft gehabt – 100 Quadratmeter bekommen, damit ich meine Kürbisse anbauen kann. Da war vorher immer Mais in Monokultur drauf, inklusive Kunstdünger, Spritzen und alles. Bei der ersten Bodenanalyse hat es in Sachen Dünger nicht so schlecht ausgeschaut, aber der Humus-Gehalt war bei einem Prozent, also ganz, ganz niedrig. Dann hab ich mich in das Thema Humusaufbau eingelesen und mir Regenwürmer gekauft. Nach drei oder vier Jahren Arbeit mit Kompost, Pferdemist und Edelmist von meinem Onkel hab ich den Humus-Gehalt auf 5,5 Prozent gesteigert. Automatisch sind die Kürbisse immer größer geworden. Im dritten Züchterjahr hab ich dann den Österreichrekord geschafft mit 474 Kilo. 

Welches Gemüse hast du denn am liebsten?

Das Hauptgemüse sind Kürbis und Paradeiser, darauf hab ich mich spezialisiert. Bei der Roten Rübe habe ich noch den Österreichrekord mit 20 Kilo.

Schmeckt denn das überhaupt noch nach was?

Alles, was groß ist, ist aromatisch nicht so der Hammer. Aber halt super für Saucen, Chutney und Co. Den 500-Kilo-Kürbis vom letzten Jahr haben wir zum Beispiel in 5-Kilo-Portionen eingefroren und machen Suppe draus. Und da schmeckst nicht viel Unterschied zu einem Hokkaido oder Butternuss.

Hast du deinen Riesenparadeiser auch zerstückelt und eingefroren?

Ja, wir haben jetzt Tomatensauce für mindestens ein halbes Jahr!

Wie reagieren denn die Leute auf dein Hobby? Gibt’s Neider?

Die, die mich kennen, wissen, dass das mein Hobby und meine Leidenschaft ist. Die freuen sich auch für mich, wenn was Schönes rausschaut.

Leute, die noch nie sowas Großes gesehen haben, reagieren oft mit „Ist der echt? Ist das Plastik? Steckt da Gentechnik dahinter?“.

Ich will gar keine wunderschöne Riesentomate. Je hässlicher, desto besser.

Du sagst ja, dass die hässlichsten Blüten die dicksten Früchte ergeben. Freust du dich, wenn du am Feld eine besonders schiache Blüte findest?

Ich nehm nur solche Blüten! Die Tomatenpflanze macht ja drei, vier Blüten an einer Rispe. Da selektier ich dann automatisch, sodass nur eine Blüte stehen bleibt und nur eine Frucht draus wird. Da nehm ich immer die hässlichste und schiachste, die da ist. Die schönen werden alle weggeschnitten, die werden sicher nicht rekordverdächtig.

Bei uns ist nichts gleichförmig, jede Frucht schaut anders aus, jede Pflanze schaut anders aus. Ich will gar keine wunderschöne Riesentomate. Je hässlicher, desto besser. 

Wirst du denn auch von Industrie oder Wissenschaft angesprochen, etwa zum Thema Bodenbeschaffenheit? Denn größere Früchte bedeuten mehr Ertrag und sind damit ja letztlich auch wirtschaftlich interessant.

Nein. In den Riesengemüsezüchtervereinen hab ich schon einige Vorträge gehalten, wie das bei uns funktioniert. Industriell Riesenfrüchte zu produzieren, ist aber sehr schwierig, weil sehr viel Aufwand dahinter steckt. Im Sommer investiere ich jeden Tag sechs bis sieben Stunden in drei Kürbispflanzen, nur für die Pflege. Unkraut jäten, schauen, dass jedes Blatt richtig steht. Und wenn man den Aufwand rechnet, geht sich das nicht aus.

Sie müssten also viel Liebe reinstecken, für die in der freien Marktwirtschaft kein Platz ist?

Die Liebe, die Leidenschaft braucht’s, genau.

Du hast die Riesenzüchtervereine angesprochen, wie viele Leute tauschen sich da aus?

In Österreich haben wir einen Verein, die „Austrian Giant Pumpkin Growers“ mit 30, 40 Mitgliedern. Da machen wir jährlich eine Patch Tour und fahren zu einem Züchter und schauen, was macht der, wie macht’s der, wie groß sind dort die Kürbisse. Heuer wird’s wahrscheinlich bei mir stattfinden.

Im Herbst haben wir die Abwiegungen, unsere Meisterschaften. Und darüber gibt’s noch einen europäischen Verein und ganz, ganz drüber sind die Amerikaner, die ja alles Große lieben. Von dort kommt eigentlich auch das Hobby. Die GPC ist dort der internationale Dachverband.

Ist es dein Ziel, die Amerikaner mal zu schlagen?

So, wie’s die Amerikaner machen, ist es schon too much. Aber es ist schon auch schön, wenn ich meinen Riesenparadeiser mit 2,35 Kilo herzeige und die Amerikaner sich dann wundern, dass sowas in Österreich überhaupt möglich ist. Weil die haben ein super Klima drüben, super Bedingungen, brauchen kein Gewächshaus und keinen Folientunnel. Es ist schon spannend, sich dann darüber auszutauschen, wie die Produktion bei uns läuft. Und dass wir sie schon ein bisschen reizen und herausfordern können mit unseren Früchten.

Ich höre Genugtuung …

(Lacht) Der Weltrekord bei den Paradeisern ist mit 4,89 Kilogramm noch in den USA drüben, aber es wär’ schon cool, wenn wir in Österreich die größte Tomate der Welt hätten.

Der 5-Kilo-Paradeiser also?

Genau, das ist das Ziel!